Das Spiel mit dem Ur-Instinkt
Esslinger Zeitung, 09. Januar '06, Von Miriam Hesse
„Hast du mal Feuer?“ Holger zückt den Gaslötbrenner und zündet den
ersten Stab. Eine dreißig Zentimeter hohe Flamme schießt nach oben. Wer
mit den vier Akteuren der Esslinger Truppe „Feuersbrunft“ unterwegs
ist, dem geht nie der Zündstoff aus. Vor vier Jahren haben sich Marc
Glasl, Ulrike Jäger, Tobias Buschick und Holger Welsch nebenberuflich
als Feuerjongleure zusammengefunden. Und obwohl sie kaum Werbung in
eigener Sache machen, sind sie seither ziemlich gut gebucht. Natürlich
haben sie auch Auftritte in der Region wie bei einem Firmenfest von
Daimler oder im Freilichtmuseum Beuren. Größtenteils sind Feuersbrunft
aber mit ihren Shows, die meist etwa 20 Minuten dauern, in ganz
Deutschland unterwegs. Ihren bisher größten Auftritt hatten sie vor 40
000 Leuten im Frankfurter Football-Stadion. „40 109 genau“, korrigiert
Ulrike. Ein bisschen ins Schwitzen kamen sie da schon.
Docht aus schusssicherem Material
Über das Jugendhaus Komma haben sich die Flammeure kennen gelernt. Dort
wird jeden Dienstag mit allem hantiert, was sich durch die Luft werfen,
schwingen und wirbeln lässt: Keulen, Seile, Ketten. „Es gibt eine
starke Szene in Esslingen, stärker als in vielen Großstädten“, sagt
Marc Glasl. „Manche kommen zum Trainieren extra aus Stuttgart her.“ Der
31-jährige Esslinger macht Kampfsport und hat die Kerncrew der „am
Feuer Interessierten“, wie sie sich nennen, um sich geschart und für
den Stab entflammt. Der ist im Kern nichts anderes als eine
Gardinenstange aus Holz aus dem Baumarkt, mit Alufolie und griffigem
Klebeband umwickelt. An beiden Enden ein Stück Docht aus dem selben
Material, aus dem schusssichere Westen sind. Die meisten Geräte sind
selbst gebaut.
Vor jeder Show, die jeweils an die Location angepasst wird, informieren
sich die Artisten genau: Sind dort auch keine Vorhänge? Wie viel Platz
gibt es über dem Kopf? Feuerlöscher und Löschdecke liegen immer parat,
obwohl sie bisher noch nie gebraucht wurden. „Man muss Respekt haben
vor dem Feuer“, sagt Holger Welsch, „sonst schlägt es zurück.“ Vor
wuchtig nach oben lodernden Flammen haben selbst die Profi-Fackler
gehörigen Respekt. Feuerspucker legen deshalb den Kopf in den Nacken,
weil sie sich sonst die Nasenspitze verbrennen. Einmal habe ihr auf der
Party nach einer Show ein Barkeeper ein Glas brennenden Sambucca
hingehalten, erinnert sich Ulrike Jäger. „Das war echt gefährlich.“
Auch wenn sie gut im Geschäft sind ihren Marktwert wollen die Vier
nicht so genau festlegen. Er hängt vom Auftraggeber und von ihrem
eigenen Zeitbudget ab. Für die Hochzeit seines besten Freundes würde
sich Holger Welsch vielleicht noch einmal zum Feuerspucken überreden
lassen. Jahrelang hat er es praktiziert, am Ende konnte er ein einmalig
schönes Flammenherz in die Luft zaubern. Jetzt greift er nicht mehr zur
Spuckflasche. „Vier Jahre lang ist mir nichts passiert. Man muss sein
Glück nicht herausfordern.“ So wie es Tobias Buschick einst getan hat.
Buschick ist in der Truppe der „Mann des großen Feuers“. Vor ein paar
Jahren hat er sich das Feuerspucken selbst beigebracht - und seine
Eltern nicht gerade schonend in Kenntnis gesetzt. „Sie kamen mal zu
früh nach Hause und da sahen sie mich im Garten mit einer Riesenflamme
im Mund.“
Tödliche Chemie
Wie gefährlich dieser Alleingang war, wurde ihm erst später bewusst.
Heute warnt er nicht nur eindringlich davor, er scheut sich sogar,
andere im Feuerspucken zu unterrichten seit er sich einmal verschluckt
hat, eine Woche im Krankenhaus war, weil er die flüssige Chemie in die
Lunge bekam, und ein halbes Jahr lang Cortison inhalieren musste: „Ich
hätte tot sein können.“ Aber nicht jedes gebrannte Kind scheut das
Feuer. Der 28-jährige Tiermedizin-Student aus Kirchheim trägt in einem
silbernen Köfferchen Baumwollwatte, ein Mundtuch, Spuckflüssigkeit und
eine Pulle Wundbenzin mit sich. Vor dem Feuerspucken spült er den Mund
mit Öl, danach mit Alkohol aus: „Ich nehme Wodka, den mag ich nicht.
Den spuck' ich gerne aus.“
Ohne kleinere Brandwunden, die unauffällig vernarbt sind, kommt man
beim Feuerjonglieren nicht davon Holger Welsch hat sie über der Nase,
Tobias Buschick am Handgelenk. Angst haben sie aber keine: „Was wir
machen, ist so sicher, dass wir uns nebenbei unterhalten.“ Und die
Faszination für das Element lässt sie eben nicht los: „Da kommen
Ur-Instinkte hoch. Es ist faszinierend, wenn jemand das Feuer
beherrscht“, sagt Marc Glasl und korrigiert sich noch im selben
Atemzug: „scheinbar beherrscht.“